Der Jackalope ist ein Fabelwesen aus Nordamerika: ein Hase mit Geweih, dem man außerdem eine erstaunliche Gesangsbegabung nachsagt. Als echte Tierart gibt es ihn nicht. Trotzdem stehen in Souvenirläden verblüffende Exemplare, und manche Fotos zeigen tatsächlich Kaninchen mit hornartigen Auswüchsen. Wie passt das zusammen? Hinter dem Geweihhasen stecken ein einprägsamer Scherz, geschickte Tierpräparatoren und ein biologisches Phänomen, das deutlich weniger märchenhaft ist.
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Der Name Jackalope verbindet Hase und Antilope
Der Name Jackalope verbindet die englischen Wörter jackrabbit und antelope. Ein Jackrabbit ist trotz des „rabbit“ (auf Englisch „Kaninchen“) im Namen ein Hase. „Antelope“ bedeutet Antilope; im nordamerikanischen Zusammenhang ist damit häufig der Gabelbock gemeint. Dieser heißt auch Pronghorn und gehört zoologisch nicht zu den echten Antilopen.
Auf Deutsch wird das Fabelwesen unter anderem Hasenbock genannt. „Hase mit Geweih“ beschreibt sein bekanntestes Aussehen allerdings verständlicher. Auch bei einer kleinen Geweihhasen-Figur* reichen lange Ohren und das zusätzliche Geweih, damit man den amerikanischen Fantasiehasen erkennt.
Typisch sind ein braunes oder graubraunes Fell, kräftige Hinterbeine und ein kleiner Schwanz. Zwischen den langen Ohren sitzen Hörner oder ein verzweigtes Geweih. Viele Darstellungen und Präparate verwenden Hirschgeweihe, obwohl der Name auf eine Antilope verweist. Fabelwesen nehmen es mit ihrem eigenen Bauplan offenbar nicht ganz so genau.
Eine verbindliche Größe oder ein biologischer Steckbrief existiert nicht. Solche Angaben gehören jeweils zu einer Geschichte, einer Illustration oder einem bestimmten Souvenir. Die angebliche Kreuzung aus Hase und gehörntem Huftier ist ebenfalls Teil der Fantasie: Diese Tiere können keine gemeinsamen Nachkommen bekommen.
Die Geschichte des Jackalope führt nach Wyoming
Die moderne Jackalope-Geschichte ist eng mit Douglas im US-Bundesstaat Wyoming verbunden. Dort machten die Brüder Douglas und Ralph Herrick das Wesen in den 1930er-Jahren durch zusammengesetzte Tierpräparate bekannt. Sie versahen präparierte Hasen mit Geweihen und schufen damit Anschauungsmaterial für eine Geschichte, die man ansonsten nur hätte erzählen können.
Mit den Präparaten bekam das Jägerlatein einen greifbaren Hauptdarsteller. Später verbreitete sich das Motiv auch auf Postkarten, T-Shirts und anderen Souvenirs.
Die Stadt Douglas pflegt ihre Jackalope-Tradition bis heute. Sie bezeichnet sich als „Jackalope Capital of the World“, also als Jackalope-Hauptstadt der Welt. Statuen stehen unter anderem am Jackalope Square und beim Besucherzentrum. Wer einen sehen möchte, hat dort deshalb ausgezeichnete Chancen – solange er keine Bewegung erwartet.
Gehörnte Hasen wurden schon Jahrhunderte früher dargestellt
Die Herrick-Brüder haben nicht das gesamte Motiv erfunden. Bereits im 16. Jahrhundert tauchen gehörnte Hasen in europäischen Tierdarstellungen auf, etwa bei Joris Hoefnagel. Der Gedanke, einem vertrauten Langohr ein ungewöhnliches Merkmal hinzuzufügen, ist also wesentlich älter als die amerikanischen Souvenirs.
Das belegt jedoch keine lückenlose Verbindung zwischen einem bestimmten europäischen Bild und der Werkstatt in Wyoming. Ein älteres Motiv und die spätere Popularisierung sind zwei verschiedene Teile der Geschichte.

Echte Jackalope-Fotos zeigen nicht automatisch ein echtes Fabeltier
Ein Foto kann einen tatsächlich vorhandenen Gegenstand zeigen und trotzdem eine falsche Vorstellung vermitteln. Beim Jackalope lohnt es sich deshalb, drei Fälle auseinanderzuhalten:
| Was auf dem Bild zu sehen ist | Was dahinterstecken kann |
|---|---|
| Ein ausgestopfter Hase mit ordentlich angesetztem Geweih | Ein zusammengesetztes Präparat aus Bestandteilen verschiedener Tiere |
| Ein lebendes Kaninchen mit unregelmäßigen, hornartigen Auswüchsen | Eine Erkrankung, die solche Wucherungen verursacht |
| Ein scheinbar lebender Geweihhase in freier Wildbahn | Auch eine Illustration, Fotomontage oder ein KI-Bild kommt infrage |
Die Tabelle hilft bei der Einordnung, ersetzt aber keine Prüfung des einzelnen Bildes. Weder ein natürlich wirkender Hintergrund noch ein überzeugendes Fell machen ein Foto zum zoologischen Nachweis. Entscheidend sind Herkunft, Originalmaterial und nachvollziehbare Untersuchungen.
Ein Papillomavirus kann Kaninchen scheinbare Hörner wachsen lassen
Bei manchen Kaninchen verursacht das Shope-Papillomavirus, auch Cottontail Rabbit Papillomavirus genannt, warzenartige Hautwucherungen. Sie können stark verhornen und dadurch wie dunkle Hörner aussehen. Betroffen sind unter anderem nordamerikanische Baumwollschwanzkaninchen.
Das sind weder echte Hörner noch Geweihe, sondern verhornende Hautwucherungen. Je nach Lage und Ausprägung können sie das Tier erheblich beeinträchtigen. Wie solche hornartigen Auswüchse bei Kaninchen entstehen, erläutert eine Papillomavirus-Expertin im Gespräch mit dem STANDARD.
Solche Tiere könnten Erzählungen von gehörnten Hasen angeregt haben. Damit ist aber nicht bewiesen, dass jede Jackalope-Geschichte auf diese Erkrankung zurückgeht. Ein erkranktes Kaninchen ist kein neu entdeckter Hase mit Geweih.
Einen ähnlichen Unterschied zwischen ungewöhnlichem Aussehen und vermeintlichem Fabeltier findest du beim Chupacabra: Dort spielen unter anderem durch Räude veränderte Kojoten eine Rolle. Die Erkrankungen sind verschieden; gemeinsam ist den Fällen, dass ein ungewohnter Anblick eine fantastische Deutung begünstigen kann.

Die Jackalope-Legende steckt voller Jägerlatein
Ein Geweih allein wäre den Erzählern offenbar zu wenig gewesen. Je nach Version soll der Jackalope auch diese bemerkenswerten Fähigkeiten und Vorlieben besitzen:
- Stimmen nachahmen: Er imitiert Menschen und stimmt in die Lieder von Cowboys am Lagerfeuer ein.
- Verfolger täuschen: Mit Rufen aus dem Versteck lenkt er Suchende in die falsche Richtung.
- Whiskey mögen: Seine angebliche Schwäche für das Getränk gehört zu den Fanggeschichten.
- Nur bei Blitzen Nachwuchs zeugen: Die ungewöhnliche Bedingung liefert praktischerweise gleich eine Erklärung für seine Seltenheit.
Diese Scherzgeschichten leben davon, absurde Behauptungen mit ernster Miene vorzutragen.
Besonders schön zeigt sich das an den Jackalope-Jagderlaubnissen aus Douglas: Sie gelten der örtlichen Erzählung zufolge am 31. Juni zwischen Mitternacht und zwei Uhr morgens. Der Juni hat allerdings nur 30 Tage. Die Jagdsaison fällt damit ausgesprochen tierfreundlich aus.
Jackalope und Wolpertinger sind unterschiedliche Fabelwesen
Ein Jackalope ist nicht einfach die englische Bezeichnung für den Wolpertinger, und auch der ebenfalls sehr ähnliche schwedische Skvader ist ein anderer Mythos. Die Figuren ähneln sich, gehören aber zu unterschiedlichen regionalen Traditionen.
Beim Jackalope bildet der nordamerikanische Hase mit Geweih das typische Grundmotiv. Der bayerische Wolpertinger wird wesentlich variabler zusammengesetzt und besitzt häufig zusätzlich Vogelflügel oder auffällige Zähne. Flügel sind deshalb ein hilfreicher Hinweis, aber kein unfehlbares Unterscheidungsmerkmal: Nicht jeder Wolpertinger hat welche.
Beide werden gelegentlich unter den Kryptiden aufgeführt. Für ihre Einordnung ist jedoch entscheidend, dass sie vor allem als Fabelwesen und bewusst gestaltete Scherzpräparate bekannt sind. Warum nicht jedes erfundene Mischwesen automatisch ein ernsthafter Kandidat für eine unbekannte Tierart ist, erklärt unser Beitrag zur Kryptozoologie.

Drei kleine Ideen für Jackalope-Fans
Wenn dir der Geweihhase gefällt, kannst du seine Geschichte weiterlesen, nachspielen oder selbst weiterspinnen:
- Weiterlesen: Michael P. Branch verbindet in „On the Trail of the Jackalope“* die Geschichte des Fabelwesens mit amerikanischer Alltagskultur und der Forschung an tatsächlich „gehörnten“ Kaninchen. Das Sachbuch ist auf Englisch – passend, wenn du tiefer ins Thema einsteigen möchtest.
- Geschichten erfinden: Ein Jackalope aus Plüsch* kann beim Vorlesen oder Erzählen die Hauptrolle übernehmen. Vielleicht kann deiner keine Cowboylieder, dafür aber sämtliche Ausreden fürs Zuspätkommen.
- Selbst gestalten: Mit Papier und Buntstiften* entsteht dein eigener Geweihhase. Zeichne zuerst Körper und Ohren, ergänze das Geweih und erfinde eine Eigenschaft dazu. So wird aus der Vorlage eine eigene Figur.
Häufige Fragen zum Jackalope
Ist ein Antilopenhase ein Jackalope?
Nein. Der Antilopenhase (Lepus alleni) ist eine echte Hasenart aus dem Südwesten Nordamerikas. Er besitzt lange Ohren, aber weder Hörner noch Geweih. Sein deutscher Name kann leicht zu einer Verwechslung mit dem Fabelwesen führen.
In welchem Pixar-Film kommt ein Jackalope vor?
Im Kurzfilm „Boundin’“, auf Deutsch „Ein Schaf ist von der Wolle“. Dort hilft ein Jackalope einem frisch geschorenen Schaf, sein Selbstvertrauen zurückzugewinnen. Die Figur ist eine eigenständige, freundliche Interpretation des amerikanischen Fabelwesens.
Was bedeutet ein Jackalope-Tattoo?
Eine allgemein verbindliche Bedeutung gibt es nicht. Das Motiv lässt sich beispielsweise mit Fantasie, Humor oder einer Vorliebe für ungewöhnliche Geschichten verbinden. Welche Bedeutung es für die Person hat, die es trägt, ergibt sich daraus jedoch nicht automatisch.