Der Narwal besitzt kein echtes Horn. Der lange, spiralförmige Fortsatz ist ein Zahn, der bei den meisten männlichen Narwalen aus dem Oberkiefer wächst. Wozu er dient, ist noch nicht vollständig geklärt: Er spielt wahrscheinlich bei Rangordnung und Partnerwahl eine Rolle, kann Umweltreize wahrnehmen und wird sogar beim Umgang mit Fischen eingesetzt. Damit wäre der Narwal schon ungewöhnlich genug. Doch der arktische Zahnwal kann außerdem mehr als 1.000 Meter tief tauchen, über 100 Jahre alt werden und unter dichtem Meereis leben.
Was ist ein Narwal?
Der Narwal ist ein mittelgroßer Zahnwal, der ausschließlich in arktischen Gewässern lebt. Sein wissenschaftlicher Name lautet Monodon monoceros, was sinngemäß „Ein Zahn, ein Horn“ bedeutet. Gemeinsam mit dem Beluga bildet er die Familie der Gründelwale.
Anders als viele bekannte Wale besitzt der Narwal keine ausgeprägte Rückenflosse. Auf seinem Rücken verläuft lediglich ein niedriger Wulst. Das erleichtert ihm vermutlich die Fortbewegung unter dem Meereis, weil keine hohe Flosse gegen die Eisdecke stoßen kann.
Auch sein Kopf sieht ungewöhnlich aus: Er hat keinen langen Schnabel, sondern eine rundliche Stirn und eine gewölbte Mundlinie. Jungtiere sind zunächst grau bis blaugrau. Mit zunehmendem Alter wird die Haut dunkler gefleckt und später wieder heller. Sehr alte Narwale können fast weiß wirken.
Narwal-Steckbrief: Die wichtigsten Fakten im Überblick
| Wissenschaftlicher Name | Monodon monoceros |
| Tiergruppe | Säugetiere, Zahnwale |
| Familie | Gründelwale |
| Engster lebender Verwandter | Beluga |
| Verbreitung | Arktis |
| Lebensraum | Packeis, Fjorde, tiefe arktische Gewässer |
| Nahrung | Fische, Tintenfische und Garnelen |
| Besonderheit | langer, spiralförmiger Stoßzahn |
Wie groß und schwer werden Narwale?
Männliche Narwale erreichen ohne ihren Stoßzahn eine Körperlänge von bis zu etwa 4,6 Metern und können rund 1,6 Tonnen wiegen. Weibchen bleiben mit höchstens ungefähr vier Metern und bis zu 1,2 Tonnen etwas kleiner.
Ein neugeborenes Kalb ist bereits etwa 1,60 Meter lang und wiegt ungefähr 80 Kilogramm. Für einen Wal ist das noch recht handlich – für ein Planschbecken allerdings schon deutlich zu ambitioniert.
Wie alt werden Narwale?
Narwale können mehr als 100 Jahre alt werden. Ältere Tierbeschreibungen nennen häufig nur 30 bis 50 Jahre. Untersuchungen chemischer Veränderungen in den Augenlinsen ergaben jedoch ein wesentlich höheres mögliches Alter. Das älteste untersuchte Tier wurde auf ungefähr 115 Jahre geschätzt.
Eine im Journal of Mammalogy veröffentlichte wissenschaftliche Untersuchung zur Lebenserwartung von Narwalen geht von einer maximalen Lebensspanne von etwa 100 Jahren aus. Die North Atlantic Marine Mammal Commission hält auch ein Alter von mehr als 100 Jahren für möglich.
Warum hat der Narwal ein Horn?
Der Narwal hat kein Horn, sondern einen stark verlängerten Zahn im Oberkiefer. Die Bezeichnung „Horn“ hat sich trotzdem eingebürgert, weil der Zahn lang, spitz und spiralförmig ist und aus der Entfernung tatsächlich wie das Horn eines Einhorns aussieht.
Wie entsteht der Stoßzahn des Narwals?
Narwale besitzen zwei Zähne im Oberkiefer. Bei den meisten Männchen beginnt der linke Zahn im Alter von ungefähr zwei bis drei Jahren nach vorn zu wachsen. Er durchbricht den Kiefer beziehungsweise die Oberlippe und verlängert sich immer weiter.
Der Stoßzahn dreht sich dabei spiralförmig gegen den Uhrzeigersinn. Er kann mehr als zwei Meter lang werden und bei besonders großen Tieren annähernd drei Meter erreichen. Der rechte Zahn bleibt normalerweise im Kiefer verborgen.
Es handelt sich also nicht um einen Knochenfortsatz und auch nicht um ein Horn aus Keratin, wie es beispielsweise Nashörner tragen. Der Narwalzahn besteht aus Zahnmaterial und ist von feinen Nervenverbindungen durchzogen.
Haben auch weibliche Narwale einen Stoßzahn?
Weibliche Narwale besitzen nur selten einen sichtbaren Stoßzahn. Bei den meisten bleiben beide Zähne im Oberkiefer. Gelegentlich wächst jedoch auch bei einem Weibchen ein Zahn nach außen.
Ebenso gibt es männliche Narwale ohne sichtbaren Stoßzahn. In sehr seltenen Fällen entwickeln sich bei einem Tier sogar beide Zähne, sodass es zwei lange Stoßzähne trägt. Der typische Narwal mit genau einem „Horn“ ist damit zwar der Normalfall, aber keine ausnahmslose Bauvorschrift.
Wozu dient der Stoßzahn des Narwals?
Der Stoßzahn erfüllt wahrscheinlich mehrere Aufgaben. Als wichtigste Funktion gilt heute seine Rolle als sichtbares Geschlechtsmerkmal. Seine Länge kann anderen Narwalen etwas über Alter, Körpergröße und Rang eines Männchens verraten. Damit lässt sich möglicherweise ein Konkurrent einschätzen, ohne sofort einen gefährlichen Kampf beginnen zu müssen. Auch bei der Partnerwahl könnte der Zahn eine Rolle spielen.
Darüber hinaus ist der Stoßzahn empfindlicher, als sein robustes Aussehen vermuten lässt. Seine Nervenverbindungen ermöglichen es dem Narwal vermutlich, Veränderungen im Wasser wahrzunehmen. Diskutiert werden unter anderem Temperatur, Salzgehalt und andere chemische Eigenschaften.
Eine 2025 veröffentlichte Untersuchung lieferte zudem neue Beobachtungen: Mit Drohnen gefilmte Narwale berührten, verfolgten und bewegten arktische Saiblinge gezielt mit der Spitze ihres Stoßzahns. Einige Schläge waren kräftig genug, um einen Fisch möglicherweise zu betäuben. Andere Kontakte wirkten eher neugierig oder spielerisch. Die Forschenden fanden damit Hinweise auf Nahrungssuche, Erkundung und Spielverhalten.
Der Narwal trägt also kein Werkzeug mit nur einer einzigen Funktion. Der Stoßzahn ist vermutlich Signal, Sinnesorgan und gelegentliches Hilfsmittel zugleich. Die früher verbreitete Vorstellung, Narwale würden damit hauptsächlich Löcher ins Eis schlagen, gilt dagegen nicht als ausreichend belegt.
Wie verhalten sich Narwale?
Narwale sind gesellige Tiere, die meist in kleinen Gruppen leben und zu bestimmten Jahreszeiten große Verbände bilden. Ihr Verhalten ist allerdings noch nicht vollständig erforscht. Die abgelegenen, dunklen und teilweise von Eis bedeckten Lebensräume machen längere Beobachtungen schwierig.
Wie leben Narwale in der Gruppe?
Kleine Narwalgruppen bestehen häufig aus wenigen Tieren. Sie können nach Alter oder Geschlecht getrennt sein. Im Sommer und während der Wanderungen treffen manchmal Hunderte oder sogar Tausende Narwale zusammen.
Gelegentlich schwimmen Gruppen sehr dicht nebeneinander, tauchen gemeinsam ab oder erscheinen beinahe gleichzeitig wieder an der Oberfläche. Bekannt ist außerdem das sogenannte „Tusking“: Zwei oder mehr Narwale richten ihre Stoßzähne auf und kreuzen sie miteinander. Das sieht nach einem arktischen Ritterturnier aus, wird aber eher als gegenseitiges Einschätzen oder Imponierverhalten gedeutet. Nicht jede Berührung ist ein Kampf.
Wie orientieren sich Narwale unter Wasser?
Narwale orientieren sich mithilfe der Echoortung. Sie senden Klicklaute aus und erkennen anhand der zurückkehrenden Schallwellen, wo sich Eis, Meeresboden oder Beutetiere befinden. Das ist besonders wichtig, weil unter dem Packeis nur wenig Licht vorhanden ist.
Sie gehören außerdem zu den besonders tief tauchenden Walen. Verlässlich dokumentiert sind Tauchgänge von mehr als 1.000 Metern und Aufenthalte unter Wasser von bis zu ungefähr 25 Minuten. Einzelne Quellen nennen noch größere Tiefen, die Werte unterscheiden sich jedoch je nach Tier, Messung und untersuchter Population.
Wie bekommen Narwale Nachwuchs?
Nach einer Tragzeit von ungefähr 13 bis 16 Monaten bringt ein Weibchen im Sommer normalerweise ein einzelnes Kalb zur Welt. Das Jungtier wird mindestens ein Jahr gesäugt und bleibt zunächst eng bei seiner Mutter.
Narwale vermehren sich langsam. Weibchen bekommen im Durchschnitt nur etwa alle drei Jahre ein Kalb. Deshalb können sich kleine oder stark dezimierte Bestände nicht innerhalb weniger Jahre erholen.
Wo leben Narwale?
Narwale leben in den kalten Gewässern der Arktis. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich vor allem über den Norden Kanadas, Grönland, Teile Norwegens und arktische Gebiete Russlands. Besonders häufig sind sie im kanadisch-grönländischen Raum anzutreffen.
Leben Narwale am Nordpol oder am Südpol?
Narwale leben in der Arktis und damit auf der Nordhalbkugel. In den Gewässern rund um die Antarktis kommen sie nicht natürlich vor. Wer am Südpol nach einem Narwal sucht, hat also nicht nur eine sehr lange Anreise, sondern auch die falsche Richtung gewählt.
Ihre Lebensräume liegen überwiegend nördlich des Polarkreises. Die Tiere halten sich an Fjorden, Küsten, tiefen Meeresgebieten und am Rand des Packeises auf. Bis direkt zum geografischen Nordpol müssen sie dabei nicht schwimmen.
Wie wandern Narwale mit dem Meereis?
Im Sommer ziehen viele Narwale in küstennahe Fjorde und Buchten. Wenn sich im Herbst neues Eis bildet, wandern sie in tiefere Meeresgebiete. Den Winter verbringen sie teilweise unter dichtem Packeis und nutzen Risse sowie offene Wasserstellen zum Atmen.
Viele Gruppen kehren regelmäßig in dieselben Sommer- und Wintergebiete zurück. Dadurch sind sie stark an bestimmte Wanderwege und Eisverhältnisse gebunden. Frieren Atemöffnungen unerwartet zu, können die Tiere unter dem Eis eingeschlossen werden.
Was fressen Narwale?
Narwale ernähren sich vor allem von arktischen Fischen, Tintenfischen und Garnelen. Zu ihrer Beute gehören unter anderem Grönlandheilbutt, Polardorsch und Arktischer Dorsch.
Da Narwale nur wenige Zähne besitzen, greifen und zerkauen sie ihre Beute nicht wie ein Raubtier mit vollständig ausgebildetem Gebiss. Stattdessen erzeugen sie mit dem Maul einen Unterdruck und saugen Fische oder andere Beutetiere ein.
Ungewöhnlich ist auch der jahreszeitliche Speiseplan. Viele Narwale fressen im Winter besonders intensiv, wenn sie sich über tiefem Wasser unter dem Packeis aufhalten. Im eisfreien Sommer nehmen sie offenbar deutlich weniger Nahrung zu sich. Die NOAA vermutet, dass dieses Verhalten mit dem Nahrungsangebot in den verschiedenen Lebensräumen zusammenhängt.
Warum heißt der Narwal „Einhorn der Meere“?
Der Narwal wird „Einhorn der Meere“ genannt, weil sein langer, gedrehter Zahn dem Horn eines Einhorns ähnelt. Diese Ähnlichkeit ist nicht nur ein moderner Spitzname, sondern spielte in der Geschichte des Einhorn-Mythos eine erstaunlich große Rolle.
Narwalzähne gelangten im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit nach Europa. Weil nur wenige Menschen wussten, von welchem Tier sie stammten, wurden sie als Hörner echter Einhörner verkauft. Ihre helle Farbe, die natürliche Drehung und ihre ungewöhnliche Länge passten nahezu perfekt zu den damaligen Vorstellungen.
Den vermeintlichen Einhornhörnern wurden heilende und entgiftende Kräfte zugeschrieben. Wohlhabende Herrscher und Sammler bezahlten enorme Summen dafür. Aus heutiger Sicht war das ein sehr teurer Irrtum – aber ein bemerkenswert überzeugender.
Dass es Einhörner wirklich gab, scheint nach aktuellem Stand der Forschung mehr als unwahrscheinlich. Wir finden diese Fabelwesen aber trotzdem faszinierend, lieben den Einhorn-Tag und haben ihnen daher bei Question-King gleich eine ganze Einhorn-Rubrik gewidmet.
Warum heißt der Narwal eigentlich Narwal?
Der Name „Narwal“ stammt wahrscheinlich aus dem Altnordischen. „Nár“ bedeutet Leiche und „hvalr“ Wal. Gemeint war vermutlich die fleckige grau-weiße Haut, die frühere Beobachter an einen ertrunkenen Menschen erinnerte.
„Leichenwal“ ist zugegebenermaßen nicht die freundlichste Bezeichnung, die man diesem Tier hätte geben können. Mit „Einhorn der Meere“ hatte die spätere Namensabteilung eindeutig das bessere Händchen.
Haben Narwale natürliche Feinde?
Zu den natürlichen Feinden der Narwale gehören vor allem Orcas. Sie können einzelne Tiere oder Gruppen verfolgen und beeinflussen dadurch sogar, welche Gebiete Narwale nutzen.
Auch Eisbären können Narwale erbeuten, wenn diese an kleinen Atemöffnungen im Eis auftauchen oder eingeschlossen sind. Für gesunde ausgewachsene Tiere im offenen Wasser stellen Eisbären jedoch keine alltägliche Gefahr dar.
Menschen gehören nicht zum Beutespektrum des Narwals. Angriffe auf Menschen sind nicht als typisches Verhalten bekannt. Trotzdem handelt es sich um große Wildtiere, denen man nicht zu nahe kommen sollte – was in ihrem abgelegenen arktischen Lebensraum ohnehin nur den wenigsten Menschen gelingen dürfte.
Sind Narwale vom Aussterben bedroht?
Narwale gelten weltweit derzeit nicht als unmittelbar vom Aussterben bedroht. Die allgemeine Einstufung darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Situation regional deutlich unterscheidet.
Eine exakte weltweite Bestandszahl gibt es nicht. Je nach Quelle, Untersuchungsjahr und berücksichtigten Populationen bewegen sich Schätzungen ungefähr zwischen 100.000 und 170.000 Narwalen. Zählungen sind schwierig, weil die Tiere große arktische Gebiete bewohnen, lange tauchen und sich häufig unter dem Eis aufhalten.
Einige Bestände sind vergleichsweise groß, während andere klein oder rückläufig sind. Besonders für Teile Ostgrönlands meldet die North Atlantic Marine Mammal Commission eine kritische Entwicklung. Eine weltweit beruhigende Kategorie bedeutet deshalb nicht automatisch, dass jeder regionale Bestand stabil ist.
Zu den wichtigsten Gefahren gehören:
- Veränderungen des Meereises durch den Klimawandel
- Verschiebungen des Nahrungsangebots
- zunehmender Schiffsverkehr und Unterwasserlärm
- Schadstoffe im Meer
- das Einschließen unter plötzlich zufrierendem Eis
- regional zu hohe Jagdentnahmen, insbesondere bei kleinen oder rückläufigen Beständen
Narwale sind stark auf feste Wanderwege, bestimmte Beutegebiete und jahreszeitliche Eisverhältnisse spezialisiert. Veränderungen in der Arktis können sie daher besonders hart treffen. Gleichzeitig ist noch nicht bei allen Populationen ausreichend bekannt, wie schnell und auf welche Weise sie sich an neue Bedingungen anpassen können.
Fazit – ist das Horn des Narwals wirklich ein Horn?
Das Horn des Narwals ist in Wirklichkeit ein verlängerter Zahn. Er dient wahrscheinlich als sichtbares Signal, Sinnesorgan und Hilfsmittel beim Umgang mit Beute. Seine genaue Bedeutung wird weiterhin erforscht.
Der Stoßzahn ist jedoch nur ein Teil dessen, was Narwale besonders macht. Sie leben unter arktischem Meereis, tauchen mehr als 1.000 Meter tief, orientieren sich mit Schall und können über 100 Jahre alt werden. Ein echtes Einhorn ist der Narwal nicht. Er zeigt aber sehr überzeugend, dass die Wirklichkeit auch ohne Magie seltsam genug sein kann.