Neue Abseitsregel: Was getestet wird und wo die Probleme liegen

Eine neue Abseitsregel soll Angreifern mehr Spielraum geben. Beim sogenannten Tageslicht-Abseits reicht eine vorstehende Fußspitze nicht mehr aus, um eine Abseitsposition zu begründen. Die Variante wird 2026 in Kanada getestet. Für den deutschen Amateurfußball ist sie damit noch nicht eingeführt. Gerade dort stellt sich aber eine spannende Frage: Wie soll ein einzelner Schiedsrichter die neue Grenze erkennen, wenn schon die bisherige ohne Linienrichter schwierig zu beurteilen ist? Zwischen Fernsehlupe und Kreisliga liegen schließlich ein paar Kameras – und meistens auch ein paar Mitarbeiter.

Regelstand geprüft: 17. September 2026.

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Die neue Abseitsregel wird in Kanada getestet

Hinter der diskutierten Änderung steckt ein Vorschlag von Arsène Wenger, dem früheren Arsenal-Trainer und heutigen FIFA-Direktor für globale Fußballentwicklung. Deshalb ist auch von der Wenger-Regel die Rede. Die Canadian Premier League erprobt die alternative Positionsregel in ihrer Saison 2026 in Zusammenarbeit mit der FIFA und unter dem Mandat des Regelgremiums IFAB.

Für reguläre Großfeldspiele in Deutschland gilt weiterhin die bisherige Abseitsregel. Die aktuelle deutsche IFAB-Regel 11 enthält die Tageslicht-Variante nicht als allgemeine Regel. Ein verbindlicher Termin für ihre flächendeckende Einführung ist in den geprüften offiziellen Quellen nicht genannt.

Ein genehmigter Test bedeutet also noch keine beschlossene Umstellung. Wer am Sonntag in der Kreisliga spielt, kann sich nicht auf eine Schlagzeile über die neue Abseitsregel berufen und plötzlich weiter vorne auf den Ball warten.

Tageslicht-Abseits gibt Angreifern mehr Spielraum

Nach der geltenden Positionsregel genügt bereits ein relevanter Körperteil, der näher zur gegnerischen Torlinie liegt als der Ball und der vorletzte Gegenspieler. Beim kanadischen Test müssten dagegen alle berücksichtigten Körperteile – Kopf, Rumpf, Beine und Füße – vollständig näher zur Torlinie liegen als beide Bezugspunkte. Hände und Arme bleiben unberücksichtigt.

Roter Angreifer und blauer Verteidiger sprinten auf einem Amateurfußballplatz dem Zuspiel entgegen, links ein gelbes Fragezeichen-Maskottchen.

Vereinfacht gesagt: Solange beispielsweise die hintere Ferse des Angreifers noch auf Höhe des vorletzten Gegenspielers liegt, wäre diese Position nach der getesteten Variante erlaubt.

Dieselbe Position beim ZuspielGeltende PositionsregelTageslicht-Test
Die Fußspitze ragt über die Position des vorletzten Gegenspielers hinaus, die hintere Ferse liegt noch auf seiner Höhe.AbseitspositionKeine Abseitsposition
Alle relevanten Körperteile befinden sich näher am Tor als Ball und vorletzter Gegenspieler.AbseitspositionAbseitsposition

Für diesen Vergleich befinden sich die Spieler vollständig in der gegnerischen Hälfte, der Ball liegt weiter vom Tor entfernt. Eine Abseitsposition allein ist außerdem noch kein Vergehen. Der Spieler muss anschließend entsprechend der Regel aktiv am Spiel teilnehmen.

Wer den Unterschied mit seiner Mannschaft besprechen möchte, kann dieselbe Szene auf einer abwischbaren Tafel* nebeneinander skizzieren. Papier und Stift reichen dafür genauso. Die Spielerpositionen bleiben gleich, nur die Bewertungsgrenze ändert sich.

Ein Detail wird bei der Kurzfassung häufig übersehen: Der kanadische Test verändert auch die Bedingung an der Mittellinie. Die relevanten Körperteile müssen vollständig in der gegnerischen Hälfte sein. Beim geltenden Positionskriterium reicht dafür bereits ein Teil.

„Tageslicht“ beschreibt übrigens keine sichtbare Sonnenlücke zwischen zwei Spielern. Gemeint ist die fehlende Überlappung ihrer relevanten Körperteile in Richtung der Torlinie. Die Spieler können dabei mehrere Meter seitlich voneinander entfernt sein.

Ohne Linienrichter fehlt oft der entscheidende Blickwinkel

Im Amateurfußball ist Abseits schon heute eine anspruchsvolle Beobachtungsaufgabe. Ein Schiedsrichter muss Zweikämpfe beurteilen, den Spielern aus dem Weg bleiben, das Spiel überblicken und möglichst rechtzeitig erkennen, wann ein Pass hinter die Abwehr kommt. Eine zweite Perspektive lässt sich dabei leider nicht herbeipfeifen.

Ein neutraler Linienrichter kann sich seitlich an der entscheidenden Linie orientieren. Ein allein pfeifender Schiedsrichter sieht die Szene dagegen häufig schräg aus dem Feld. Körper überdecken sich, Entfernungen wirken anders und die Abwehr bewegt sich möglicherweise gerade nach vorne, während der Stürmer in die Gegenrichtung startet.

Abspielmoment und Spielerposition gehören zusammen

Stell dir einen langen Pass vor. Als der Angreifer den Ball erreicht, ist er seinem Bewacher deutlich davongelaufen. Das sieht vom Spielfeldrand verdächtig aus. Über seine Position beim Zuspiel sagt der Vorsprung aber noch nichts Sicheres aus.

Der Schiedsrichter muss den entscheidenden Moment und die Positionen zusammenbringen. Schaut er erst nach dem Pass zur Abwehrreihe, kann sich das Bild bereits verändert haben. Das gilt auch für Zuschauer. Wer beim Abspiel noch die Bratwurst sortiert, hat bei der anschließenden Ballannahme zwar eine Meinung, aber möglicherweise nicht den entscheidenden Augenblick gesehen.

Eine Fahne macht noch keinen neutralen Assistenten

Nicht jeder Helfer an der Seitenlinie hat dieselben Aufgaben wie ein offiziell eingesetzter Schiedsrichterassistent. Vereinshelfer können einen eingeschränkten Auftrag haben, etwa das Anzeigen eines Balls im Aus.

Was sie übernehmen dürfen, richtet sich nach den Vorgaben des zuständigen Verbands und der Einweisung für das Spiel. Deshalb bedeutet „Da steht doch jemand mit einer Fahne“ nicht automatisch, dass der Schiedsrichter bei Abseits eine zusätzliche fachkundige Einschätzung bekommt.

Auch die neue Grenze lässt knappe Entscheidungen zu

Die Wenger-Regel würde einige Positionen erlauben, die heute als Abseitsposition gelten. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass jede Entscheidung einfacher wird.

Bisher kann es um eine vorstehende Fußspitze gehen. Beim Tageslicht-Abseits könnte stattdessen entscheidend sein, ob die hintere Ferse noch auf gleicher Höhe liegt. Rückt sie ein kleines Stück nach vorne, kippt die Bewertung erneut. Die Grenze verschiebt sich, eine Grenze bleibt trotzdem bestehen.

Für einen Schiedsrichter ohne Assistenten verschwindet die Beobachtungsaufgabe dadurch nicht: Er muss weiterhin den Zuspielmoment erfassen und mehrere Körperpositionen zueinander beurteilen. Bei schnellen Schritten ändern sich gerade die Positionen von Füßen und Beinen laufend.

Andererseits würde eine größere Zahl von Angriffspositionen erlaubt. Das könnte manche Pfiffe überflüssig machen und Angriffe länger laufen lassen. Ob die neue Regel insgesamt leichter zu erkennen ist oder mehr Fehlentscheidungen verursacht, lässt sich aus diesen Überlegungen allein nicht ableiten. Dafür braucht es belastbare Ergebnisse unter unterschiedlichen Spielbedingungen.

Zwei Fußballspieler sprinten mit seitlichem Abstand auf gleicher Höhe Richtung Tor, dahinter ein Schiedsrichter, der die neue Abseitsregel umsetzt und ein türkises Fragezeichen-Maskottchen.

Der kanadische Test bildet den Kreisligaalltag nur begrenzt ab

Die Canadian Premier League ist ein professioneller Wettbewerb. Laut ihrer offiziellen Beschreibung des Abseitstests führt sie zugleich Football Video Support ein. Dabei können Trainer unter festgelegten Bedingungen eine Überprüfung bestimmter spielentscheidender Szenen beantragen.

Das Verfahren unterscheidet sich vom klassischen VAR im Fußball, bei dem Videooffizielle bestimmte Situationen eigenständig prüfen. Für den Vergleich mit dem Amateurplatz zählt vor allem: Im kanadischen Versuch steht zusätzliche Videounterstützung zur Verfügung.

Unsere Einordnung daraus: Ergebnisse aus diesem Umfeld lassen sich nicht ohne Weiteres auf einen Schiedsrichter übertragen, der ohne neutrale Assistenten und ohne zugelassenes Videosystem pfeift. Die praktische Frage lautet deshalb auch, wie gut sich die Positionsgrenze unter diesen einfacheren Bedingungen erkennen lässt.

Auch Abwehrreihen und Laufwege könnten sich verändern

Die Reform soll Angreifern Vorteile verschaffen und offensives Spiel fördern. Wer beim Zuspiel etwas weiter vorne stehen darf, könnte leichter einen Vorsprung gewinnen.

Verteidiger würden darauf jedoch reagieren. Eine Mannschaft könnte ihre Abwehr tiefer aufstellen, um weniger Raum hinter sich anzubieten. Dann entstünden womöglich andere Spielsituationen als die erhofften zusätzlichen freien Torchancen. Ebenso wären Anpassungen beim Timing von Pässen und Läufen denkbar.

Mehr Tore, flüssigeres Spiel oder eine defensivere Ausrichtung sind deshalb zunächst Ziele beziehungsweise mögliche Folgen. Die neue Positionsregel allein verrät noch nicht, wie Mannschaften ihr Verhalten tatsächlich ändern würden.

Auf dem Amateurplatz hilft ein gemeinsamer Blick auf die Szene

Für Spieler, Trainer und Zuschauer lohnt es sich schon unter der geltenden Regel, Abseits aus verschiedenen Perspektiven nachzustellen. Dafür braucht niemand die technische Ausstattung eines Fernsehstudios.

Eine einfache Übung: Zwei Spieler nehmen die Positionen von Angreifer und vorletztem Gegenspieler ein. Ein weiterer stellt den Zuspieler dar. Die übrigen beobachten dieselbe eingefrorene Szene erst von der Seite und dann schräg aus der Feldmitte. So wird schnell sichtbar, wie unterschiedlich eine knappe Position wirken kann.

Anschließend lässt sich dieselbe Stellung nach der geltenden Regel und dem Testvorschlag vergleichen. Vorhandene Trikots, ein Ball und gegebenenfalls Markierungen reichen. Im Punktspiel bleibt natürlich die für den Wettbewerb geltende Regel maßgeblich.

Für Verteidiger gilt außerdem: Den Arm heben ersetzt das Weiterverteidigen nicht. Solange der Pfiff ausbleibt, läuft die Szene weiter. Und aus einer strittigen Entscheidung sollte keine Rudelbildung werden. Mehr Menschen rund um den Schiedsrichter verbessern den vergangenen Blickwinkel leider nicht.

Trainerin und zwei Fußballspieler besprechen die neue Abseitsregel an einer Taktiktafel, begleitet von einem orangefarbenen Fragezeichen-Maskottchen.

FAQ: Häufige Fragen zur neuen Abseitsregel

Ist die Wenger-Regel dasselbe wie eine Abschaffung von Abseits?

Nein. Der Vorschlag verändert die Grenze für eine Abseitsposition. Die Regel bleibt grundsätzlich bestehen. Überlegungen, Abseits in bestimmten Amateurwettbewerben ganz abzuschaffen, betreffen eine wesentlich weitergehende Änderung. Beide Diskussionen sollten deshalb nicht miteinander vermischt werden.

Macht ein ausgestreckter Arm beim Tageslicht-Abseits einen Unterschied?

Nein. Hände und Arme zählen bei der Positionsbewertung nicht. Ein Angreifer kann sich deshalb nicht durch einen nach hinten ausgestreckten Arm auf gleicher Höhe halten. Entscheidend sind die Körperteile, mit denen regulär ein Tor erzielt werden darf.

Können Handyaufnahmen eine strittige Abseitsentscheidung klären?

Sie können bei einer späteren Analyse helfen, sofern Zuspielmoment und Positionen ausreichend erkennbar sind. Eine schräge Perspektive kann jedoch auch im Video täuschen. Im normalen Amateurspiel ohne zugelassenes Videosystem entsteht aus einer privaten Aufnahme kein Anspruch auf eine Videoüberprüfung oder eine Änderung der Entscheidung.

Darf ein Verein die neue Abseitsregel im Ligaspiel ausprobieren?

Ein Verein kann die geltenden Wettbewerbsregeln nicht eigenständig ersetzen. Ein offizieller Test braucht die entsprechende Genehmigung. Im Training lassen sich unterschiedliche Positionsregeln dagegen als Übung vergleichen, solange allen Beteiligten klar ist, welche Variante gerade verwendet wird.