Riesenkalmar: Größe, Riesenaugen und das Leben in der Tiefsee

Der Riesenkalmar klingt nach Seemannsgarn, ist aber ein echtes Tier: ein Tiefseebewohner mit acht Armen, zwei besonders langen Fangtentakeln und Augen, die ungefähr den Durchmesser eines Fußballs erreichen können. Große Weibchen kommen mitsamt Tentakeln auf etwa zwölf bis dreizehn Meter Länge. Trotzdem wissen wir über ihr Leben erstaunlich wenig. Wie jagt dieser Riese, warum wird ausgerechnet ihm ein Pottwal gefährlich – und stimmen die Geschichten über noch viel größere Exemplare? Zeit für einen Tauchgang zwischen belegten Fakten und ziemlich dehnbaren Rekorden.

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Der Riesenkalmar gehört zu den Kopffüßern

Der wissenschaftliche Name des Riesenkalmars lautet Architeuthis dux. Er gehört zu den Kopffüßern und damit zu den Weichtieren. Trotz der Bezeichnung „Tintenfisch“ ist er also kein Fisch. Auch ein Oktopus ist etwas anderes: Kraken besitzen acht Arme, Kalmare zusätzlich zwei spezialisierte Fangtentakel.

Riesenkalmar-Steckbrief

Wissenschaftlicher NameArchiteuthis dux
TiergruppeKalmare innerhalb der Kopffüßer
GesamtlängeGroße Weibchen etwa 12–13 Meter einschließlich Fangtentakeln; Männchen bleiben kleiner
GewichtGroße Tiere erreichen einige Hundert Kilogramm; deutlich weniger als ein ausgewachsener Pottwal
ArmeAcht kürzere Arme und zwei besonders lange Fangtentakel
AugenNachgewiesene Durchmesser bis rund 27 Zentimeter
LebensraumFreies Wasser der Ozeane, vor allem in mehreren Hundert Metern Tiefe
NahrungFische und andere Kalmare
Wichtiger FressfeindPottwal
LebensdauerNicht sicher geklärt; wahrscheinlich nur wenige Jahre

Die Größe des Riesenkalmars hängt davon ab, was man misst

Zwölf Meter Kalmar bedeuten keineswegs zwölf Meter massigen Körper. Einen großen Teil der Gesamtlänge liefern die beiden dünnen Fangtentakel. Der eigentliche Rumpf, bei Kopffüßern Mantel genannt, bleibt viel kürzer.

Nicht nur Kinder lieben den Blick in ein bebildertes Tiefsee-Sachbuch*, der bei der Unterscheidung hilft: Mantellänge, Länge mit Armen und Gesamtlänge mit Fangtentakeln beschreiben drei verschiedene Maße.

Für große Weibchen gelten etwa zwölf bis dreizehn Meter Gesamtlänge als vernünftige Orientierung. Männchen bleiben nach gängigen wissenschaftlichen Einschätzungen kleiner und erreichen etwa zehn Meter. Das sind obere Größenordnungen, keine Durchschnittsmaße für jeden Riesenkalmar.

Ein ausgestrecktes Tier kann damit ungefähr die Länge eines Stadtbusses erreichen. Den Bus auf die Waage zu stellen und das Ergebnis dem Kalmar zuzuschreiben, wäre allerdings ausgesprochen unfair: Seine langen Tentakel bringen viel Reichweite, aber wenig Masse mit.

Beim größten Riesenkalmar der Welt sind Rekordmeldungen mit Vorsicht zu lesen

Wer nach dem größten Fund sucht, stößt schnell auf 18, 20 oder noch mehr Meter. Solche Zahlen stammen häufig aus historischen Berichten, Hochrechnungen oder Messungen, deren Bedingungen sich heute nicht mehr überprüfen lassen.

Die Fangtentakel sind dehnbar; bei toten Tieren können sie beschädigt sein oder bei der Vermessung auseinandergezogen werden. Ein spektakulärer Zahlenwert allein ist deshalb noch kein sauber dokumentierter Rekord. Das Naturhistorische Museum Braunschweig erläutert diese Größenproblematik und nennt sogar zwölf Meter als Grenze der dort als belegt betrachteten Funde.

Einen einzelnen Fundort mit einem zweifelsfreien 20-Meter-Weltrekord anzugeben, wäre daher irreführend. Das bedeutet nicht, dass größere Tiere ausgeschlossen sind. Es bedeutet, dass Vermutung und vermessenes Exemplar unterschiedliche Belege sind.

Ein gut dokumentiertes Beispiel ist „Archie“ im Natural History Museum in London: Das 2004 gefangene Tier wurde aus etwa 220 Metern Tiefe geborgen und maß 8,62 Meter. Es ist ein konkreter, wissenschaftlich untersuchter Fund, aber kein gesicherter Weltrekord. Seine Bedeutung liegt auch darin, dass ein nahezu vollständiger Körper erhalten blieb – bei Riesenkalmaren keineswegs selbstverständlich.

Die Augen des Riesenkalmars sind für schwaches Licht gebaut

Beim Riesenkalmar wurden Augen mit rund 27 Zentimetern Durchmesser dokumentiert. Damit gehören sie zu den größten bekannten Augen im Tierreich. Gemeint ist der Augapfel, nicht allein die schwarze Pupille.

Nahaufnahme eines Riesenkalmar-Auges neben dem neugierig aufblickenden gelben Question-King-Fragezeichen.

Große Augen können viel Licht sammeln. Das ist dort hilfreich, wo Sonnenlicht nur noch schwach ankommt oder völlig fehlt. Es macht aus absoluter Dunkelheit allerdings kein beleuchtetes Wohnzimmer: Ohne einfallendes Licht sieht auch ein Riesenauge nichts.

Eine wissenschaftliche Erklärung für die außergewöhnliche Größe verbindet die Augen mit dem Pottwal. Wenn ein großer Körper durchs Wasser zieht, kann er leuchtende Organismen anregen. Nach dieser Hypothese erkennen die Kalmare solche ausgedehnten Lichtsignale früh genug, um einen herannahenden Fressfeind zu bemerken. Das ist allerdings zunächst nur eine durch Modelle gestützte Erklärung, keine direkt beobachtete Fluchtgeschichte.

Das zugrunde liegende Phänomen heißt Biolumineszenz. Du kennst es vielleicht vom Meeresleuchten: Bestimmte Lebewesen erzeugen Licht durch chemische Reaktionen. Der Pottwal selbst trägt also keine eingebaute Taschenlampe.

Riesenkalmar und Koloss-Kalmar sind zwei verschiedene Tiere

Der Koloss-Kalmar ist keine besonders kräftige Ausgabe von Architeuthis dux, sondern eine andere Art: Mesonychoteuthis hamiltoni. Beide gehören zu den größten wirbellosen Tieren, verteilen ihre Größe aber unterschiedlich.

MerkmalRiesenkalmarKoloss-Kalmar
KörperbauVergleichsweise schlank, sehr lange FangtentakelKompakter und massiger
GrößenvergleichBesonders lang durch die TentakelSchwerer; rund 500 Kilogramm werden erreicht
FangapparatSaugnäpfe mit gezackten RingenZusätzlich auffällige Haken
VerbreitungIn verschiedenen Ozeanen nachgewiesenKalte Gewässer rund um die Antarktis
Wissenschaftlicher NameArchiteuthis duxMesonychoteuthis hamiltoni

Auf die Frage „Wer ist größer?“ lautet die brauchbare Antwort: Der Riesenkalmar gilt als länger, der Koloss-Kalmar als schwerer. Die tatsächlichen Maximalmaße beider Arten sind weiterhin mit Unsicherheiten verbunden. Besonders beim Koloss-Kalmar liefern im Internet kursierende Längenangaben oft mehr Abenteuer als belastbare Messdaten.

Eine Riesenkrake ist zoologisch wiederum etwas anderes: Kraken und Kalmare gehören zu unterschiedlichen Gruppen der Kopffüßer.

Der Lebensraum liegt im freien Wasser der Tiefsee

Riesenkalmare wurden in verschiedenen Ozeanen nachgewiesen, unter anderem im Nordatlantik und im Pazifik. Sie leben überwiegend in mehreren Hundert Metern Tiefe; häufig wird ein Bereich von ungefähr 300 bis 1.000 Metern genannt. Das ist eine Orientierung aus Funden und Beobachtungen, keine starre Grenze ihres Lebensraums.

Die Tiere schwimmen im Freiwasser. Man sollte sie sich deshalb nicht als riesige Kraken vorstellen, die in einer Höhle auf dem Meeresboden sitzen. Das Wasser ist kalt, das Licht knapp und die nächste Mahlzeit keineswegs garantiert.

Wie unterschiedlich Tiere mit diesen Bedingungen umgehen, zeigt der Tiefsee-Anglerfisch, der Beute mit seiner Angel anlockt. Der Riesenkalmar besitzt dagegen einen Fangapparat mit großer Reichweite.

Sein Körper enthält außerdem Ammoniumverbindungen, die den Auftrieb unterstützen. Dadurch muss er weniger Energie aufwenden, um im Wasser zu bleiben. Für die Fortbewegung nutzt er unter anderem das Rückstoßprinzip: Wasser wird aus der Mantelhöhle durch einen Trichter ausgestoßen. Die Flossen helfen beim Steuern und bei langsamen Bewegungen.

Mit Fangtentakeln und Schnabel erbeutet der Riesenkalmar seine Nahrung

Auf dem Speiseplan stehen Fische und andere Kalmare. Vieles darüber stammt aus untersuchten Mageninhalten, ergänzt durch seltene Aufnahmen lebender Tiere.

Die beiden langen Fangtentakel tragen an ihren verbreiterten Enden Saugnäpfe. Mit ihnen kann der Kalmar Beute erreichen und heranziehen. Die acht kürzeren Arme halten sie anschließend in der Nähe des Mundes fest. Gezackte Ringe an den Saugnäpfen verbessern den Halt – wer schon einmal versucht hat, einen glitschigen Fisch festzuhalten, versteht das Problem.

Zwischen den Armen sitzt ein kräftiger, papageienähnlicher Schnabel. Er zerteilt die Nahrung vor dem Verschlucken. Hinzu kommt eine mit kleinen Zähnchen besetzte Raspelzunge, die Radula. Ein menschliches Gebiss mit hübsch aufgereihten Zähnen sucht man hier vergeblich.

Die ersten Fotos aus der Tiefsee zeigten, wie ein Riesenkalmar einen Köder aktiv angriff. Das widersprach dem Bild eines ausschließlich träge wartenden Jägers. Wie oft er verfolgt, lauert oder energiesparend treibt, lässt sich aus wenigen Begegnungen allerdings nicht zuverlässig ableiten.

Der Pottwal jagt den Riesenkalmar

Die berühmte Begegnung zwischen Pottwal und Riesenkalmar ist vor allem eine Räuber-Beute-Beziehung: Der Wal frisst den Kalmar. Harte Schnäbel und weitere Überreste in Pottwalmägen belegen das. Saugnapfnarben auf der Walhaut zeigen außerdem, dass Kalmare sich zur Wehr setzen können.

Pottwal und Riesenkalmar im dunklen Meer, beobachtet vom gelben Question-King-Fragezeichen.

Ein ausgewachsener Pottwal ist dem Riesenkalmar an Körpermasse weit überlegen. Die Vorstellung eines völlig ausgeglichenen Duells entsteht eher durch dramatische Bilder als durch die Größenverhältnisse der Tiere.

Wie wenig wir vom genauen Ablauf wissen, macht auch die Pottwal-Riesenkalmar-Szene des Ozeaneums deutlich: Das Museum kennzeichnet das Umschlingen des Walkopfes als Rekonstruktion einer nicht direkt beobachteten Begegnung.

Beim Weiterforschen mit Kindern führen auch Hörgeschichten über Meere und Ozeane* zu den Pottwalen. Der Perspektivwechsel lohnt sich: Das vermeintliche Meeresmonster ist selbst eine Mahlzeit.

Für Menschen ist der Riesenkalmar keine typische Gefahr

Ein Tier mit kräftigen Saugnäpfen und einem harten Schnabel ist selbstverständlich kein Kuscheltier. Daraus folgt aber nicht, dass Riesenkalmare gezielt Menschen jagen oder Schiffe versenken. Für solche populären Schauergeschichten fehlen belastbare zoologische Belege.

Sein Lebensraum liegt weit unter den üblichen Schwimm- und Tauchtiefen. Wer im Meer badet, muss deshalb nicht mit einem Riesenkalmar rechnen, der von unten nach dem Fuß greift.

Bei Videos mit dem Titel „Riesenkalmar greift Taucher an“ lohnt sich außerdem der Blick auf die Art. Der Humboldt-Kalmar wird ebenfalls als großer oder riesiger Kalmar bezeichnet, ist aber Dosidicus gigas und damit ein anderes Tier. Eine dramatische Überschrift ersetzt keine Bestimmung.

Echte Aufnahmen des Riesenkalmars gelangen erst spät

Wissenschaftlich beschrieben wurde Architeuthis dux bereits 1857. Lange kannte man vor allem gestrandete Tiere, Beifänge und Überreste. Die Geschichte seiner Erforschung beginnt also nicht erst mit einem spektakulären Video.

Bei den häufig verwechselten Meilensteinen lohnt sich eine genaue Unterscheidung:

  • 2004: Tsunemi Kubodera und Kyoichi Mori fotografierten einen lebenden Riesenkalmar vor den japanischen Ogasawara-Inseln in seinem natürlichen Tiefseelebensraum. Die Aufnahmen entstanden in etwa 900 Metern Tiefe; die wissenschaftliche Veröffentlichung folgte 2005.
  • 2006: Ein lebender Riesenkalmar wurde beim Heraufziehen an die Oberfläche gefilmt. Das waren noch keine Filmaufnahmen aus seinem natürlichen Tiefseelebensraum.
  • 2012: Es gelangen erstmals Filmaufnahmen im natürlichen Tiefseelebensraum. Sie wurden 2013 einem breiten Publikum bekannt.

Die 2025 veröffentlichten Aufnahmen eines jungen Koloss-Kalmars betreffen dagegen die andere Art. Sie sind kein neues Datum für den ersten Riesenkalmarfilm.

Solche Unterschiede sind auch beim Thema Kryptozoologie entscheidend: Der Riesenkalmar ist durch untersuchbare Tiere belegt. Seine Existenz beweist jedoch nicht automatisch die Geschichten vom schiffeversenkenden Kraken. Die Wirklichkeit hat acht Arme und zwei Fangtentakel – zusätzliches Seemannsgarn braucht sie nicht.

Gelbes Question-King-Fragezeichen betrachtet einen Riesenkalmar auf dem Monitor eines Forschungsraums.

FAQ: Häufige Fragen zum Riesenkalmar

Wie alt wird ein Riesenkalmar?

Die genaue Lebensdauer ist nicht sicher geklärt. Untersuchungen von Wachstumsmarken in Schnäbeln sprechen für schnelles Wachstum und möglicherweise nur wenige Lebensjahre. Wie diese Marken zeitlich zu lesen sind, ist jedoch mit Unsicherheiten verbunden. Eine feste Altersangabe wie „genau fünf Jahre“ wäre zu bestimmt.

Wie pflanzt sich der Riesenkalmar fort?

Weibchen bilden zahlreiche kleine Eier, Männchen übertragen Spermapakete, sogenannte Spermatophoren. Wie Paarung, Befruchtung und frühe Entwicklung in der Natur genau ablaufen, ist nur lückenhaft erforscht. Ein vollständig beobachteter Lebenszyklus lässt sich daraus bislang nicht beschreiben.

Kann man Riesenkalmar essen?

Architeuthis dux ist kein üblicher Speisekalmar. Die für den Auftrieb hilfreichen Ammoniumverbindungen machen sein Fleisch geschmacklich unattraktiv. Als „Riesenkalmar“ wird im Handel beispielsweise auch der Humboldt-Kalmar (Dosidicus gigas) bezeichnet. Entscheidend ist deshalb der wissenschaftliche Artname auf der Kennzeichnung.

Warum werden Riesenkalmare manchmal am Strand gefunden?

Strömungen können tote oder geschwächte Tiere an die Küste treiben. Warum ein einzelnes Tier starb oder in flaches Wasser geriet, lässt sich ohne Untersuchung meist nicht sagen. Ein Strandfund bedeutet jedenfalls nicht, dass Riesenkalmare normalerweise im Badebereich leben.

Ist der Riesenkalmar selten oder nur schwer zu beobachten?

Das ist nicht dasselbe. Seltene Sichtungen erklären sich schon durch den riesigen, schwer zugänglichen Lebensraum. Wie viele Riesenkalmare tatsächlich in den Ozeanen leben, lässt sich daraus nicht zuverlässig ableiten. Es fehlt eine belastbare weltweite Bestandszählung.