Ein Fehlstart in der Leichtathletik kann ein Rennen beenden, bevor es richtig begonnen hat. Wer seine Startbewegung zu früh einleitet, wird im Einzelrennen grundsätzlich sofort disqualifiziert. Im Mehrkampf gelten andere Regeln. Doch woran erkennt man einen Fehlstart, wenn sich im Fernsehen scheinbar alle gleichzeitig bewegen? Was bedeutet die Grenze von 0,100 Sekunden? Und warum durfte Jürgen Hingsen bei Olympia 1988 nach zwei Fehlstarts noch einmal antreten? Hier erfährst du, wie solche Entscheidungen zustande kommen.
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Ein Fehlstart beginnt mit einer zu frühen Startbewegung
Ein Fehlstart liegt vor, wenn ein Läufer aus seiner endgültigen Startstellung mit dem Start beginnt, bevor er das Startsignal erhalten hat. Umgangssprachlich wird dafür auch „Frühstart“ verwendet.
Beim Tiefstart ist entscheidend, ob die Bewegung dazu führt, dass mindestens eine Hand den Bodenkontakt oder ein Fuß den Kontakt zur Fußstütze des Startblocks verliert. Es geht also um den Beginn des Loslaufens. Ein kurzes Zucken ist davon zu unterscheiden.
Stell dir zwei Situationen vor: Ein Sprinter hebt kurz die Hüfte an, senkt sie wieder und bleibt mit Händen und Füßen an seinen Stützpunkten. Ein anderer kippt nach vorn und geht unmittelbar ins Loslaufen über. Die Bewegungen mögen von der Tribüne ähnlich aussehen. Für die Entscheidung macht ihr Ablauf jedoch einen Unterschied.
Der sogenannte rollende Start ist deshalb ein wichtiger Sonderfall. Dabei beginnt eine durchgehende Bewegung bereits vor dem Signal und mündet ohne Unterbrechung in den Start. Sie kann als Fehlstart gewertet werden, obwohl Hände oder Füße erst nach dem Schuss ihren Kontakt verlieren. Diese Abgrenzung ist in den Internationalen Wettkampfregeln unter TR16.7 beschrieben.
Das bedeutet auch: Eine Aufnahme, auf der ein Athlet vor dem Schuss noch beide Hände auf der Bahn hat, beweist für sich genommen keinen regelgerechten Start. Ebenso wenig reicht irgendeine sichtbare Bewegung als Beweis für einen Fehlstart.
Wer selbst startet, sollte sich trotzdem nicht darauf verlassen, dass ein Zucken folgenlos bleibt. Stört es den Startablauf, kommt eine disziplinarische Verwarnung infrage. Wie du eine stabile Position findest und die Startblöcke passend einstellst, zeigt dir der Beitrag zum Sprintstart und Tiefstart.
Im Einzelrennen führt schon der erste Fehlstart zur Disqualifikation
Beim regulären Einzelrennen gibt es grundsätzlich keinen persönlichen Fehlstart zum Ausprobieren. Wer für einen Fehlstart verantwortlich ist, wird disqualifiziert. Das betrifft einen 100-Meter-Lauf genauso wie einen 200-Meter-Lauf und andere Distanzen. Für bestimmte Nachwuchs- und Masterswettbewerbe gelten abweichende Regeln, die du unten in den ergänzenden Fragen findest.
Für Zuschauer ist besonders die Unterscheidung zwischen einem Startabbruch und einem zugerechneten Fehlstart hilfreich. Wenn alle zurück an die Linie gehen, muss noch niemand ausgeschieden sein. Erst die Entscheidung über Ursache und Verantwortlichkeit zeigt, ob jemand das Rennen verlassen muss.
Eine Zeitstrafe nach dem Zieleinlauf ist hier nicht vorgesehen. Ein Athlet kann einen Fehlstart also nicht durch eine besonders schnelle Laufzeit ausgleichen. Genau deshalb ist es riskant, den Schuss vorwegzunehmen.
Im Mehrkampf zählt ein Fehlstart für den gesamten Lauf
Bei den Laufdisziplinen eines Mehrkampfs bleibt ein Fehlstart pro Lauf ohne Disqualifikation. Anschließend wird jeder Athlet disqualifiziert, der einen weiteren Fehlstart verursacht. Die Regel bezieht sich auf den Lauf, nicht auf jeden einzelnen Teilnehmer.
Ein Beispiel macht das deutlich:
- Beim 100-Meter-Lauf eines Zehnkampfs startet Läufer A zu früh. Er wird verwarnt. Auch die anderen Teilnehmer werden über die Folgen eines weiteren Fehlstarts informiert.
- Beim nächsten Versuch verursacht Läufer B einen Fehlstart. Er wird disqualifiziert, obwohl es sein erster eigener Fehlstart war.
- Verursacht stattdessen erneut Läufer A den Fehlstart, muss A das Rennen verlassen.
Für B ist die Situation beim zweiten Versuch also eine andere als beim ersten. Er hat keine zusätzliche persönliche Chance übrig, nur weil zuvor jemand anderes zu früh losgelaufen ist.
Das erklärt, warum bei ähnlichen Startvorfällen unterschiedliche Entscheidungen richtig sein können. Bevor du einen Fernsehausschnitt beurteilst, schau deshalb nach, ob er aus einem Einzelrennen oder aus einem Mehrkampf stammt. Welche Wettbewerbe zusammengehören, erklärt unsere Übersicht der Leichtathletik-Disziplinen.
Die Grenze von 0,100 Sekunden löst eine Überprüfung aus
Bei großen Wettkämpfen unterstützen elektronische Systeme die Starter. Die Startblöcke sind mit einem Startablauf-Informationssystem verbunden, das unter anderem Reaktionszeiten erfasst. Meldet ein zertifiziertes System einen Wert unter 0,100 Sekunden, zeigt es damit einen möglichen Fehlstart an.

Ist der Startschuss bereits gefallen, werden die Läufer zurückgerufen. Der Starter prüft die Reaktionszeiten und weitere verfügbare Systeminformationen. Die Messung dient als Grundlage für die Entscheidung, sie ersetzt diese nicht.
Das Wort „möglich“ ist hier entscheidend. Die Aussage „Der Computer zeigt 0,099 Sekunden, also erfolgt ganz automatisch die Disqualifikation“ verkürzt den vorgesehenen Ablauf. Umgekehrt ist ein Systemalarm auch nichts, was die Verantwortlichen einfach ignorieren könnten.
Zur Einordnung der Zahlen: 0,100 Sekunden sind eine Zehntelsekunde oder 100 Millisekunden. 0,099 Sekunden liegen nur eine Millisekunde darunter. Ein Unterschied dieser Größenordnung lässt sich mit bloßem Auge kaum beurteilen. Auf einem gewöhnlichen Fernsehbild kann ein auffälliger Start deshalb völlig unverdächtig aussehen.
Genau 0,100 Sekunden liegen nicht unter der genannten Schwelle. Aus der Zahl allein folgt aber auch kein Freibrief für jede Bewegung vor dem Schuss. Die Beurteilung der Startbewegung bleibt relevant.
Die Grenze ist zudem keine Aussage darüber, dass ausnahmslos jeder Mensch unter sämtlichen Bedingungen mindestens eine Zehntelsekunde zum Reagieren braucht. Sie gehört zur technischen Beurteilung des Wettkampfstarts. Ein Tipp auf dem Smartphone-Display oder ein Reaktionstest am Computer misst einen anderen Ablauf und kann eine Wettkampfentscheidung nicht nachbilden.
Rückruf und Karten zeigen den weiteren Ablauf
Wenn du unmittelbar nach dem Start einen weiteren Schuss oder ein anderes Rückrufsignal hörst, sollen die Läufer anhalten und zurückkehren. Der Start wird geprüft und gegebenenfalls wiederholt.
Auch ein verrutschender Startblock oder eine äußere Störung kann Anlass für einen Rückruf sein. Deshalb lohnt sich der Blick auf die anschließende Anzeige:
| Karte | Bedeutung beim Start |
|---|---|
| Rot-schwarz, diagonal geteilt | Disqualifikation wegen eines Fehlstarts |
| Gelb-schwarz, diagonal geteilt | Verwarnung beim ersten Fehlstart im Mehrkampf. Die übrigen Läufer werden ebenfalls vor den Folgen des nächsten Fehlstarts gewarnt |
| Grün | Der Abbruch oder Rückruf wird keinem Läufer als Fehlstart zugerechnet |
Die geteilten Fehlstartkarten solltest du von einfarbig gelben oder roten Karten für disziplinarische Entscheidungen unterscheiden. Auch Anzeigen an den Bahnkästen können anders aussehen als die hochgehaltenen Karten.

Wenn du im Stadion sitzt, ist die Reihenfolge ein guter Anhaltspunkt: erst Rückruf, dann Klärung, dann Anzeige und neuer Start. Eine kurze Beratung der Offiziellen bedeutet also nicht automatisch, dass die Technik versagt hat. Sie gehört bei strittigen Situationen zur Prüfung.
Jürgen Hingsens drei Fehlstarts beendeten seine Medaillenhoffnung 1988
Jürgen Hingsens Fehlstarts bei Olympia 1988 in Seoul gehören zu den bekanntesten Startvorfällen der deutschen Sportgeschichte. Am 28. September trat er über 100 Meter an, der ersten Disziplin des Zehnkampfs. Nach drei Fehlstarts wurde er für diesen Lauf disqualifiziert.
Damit war die Aussicht auf eine Medaille praktisch dahin. Ein Zehnkampf lebt davon, in zehn verschiedenen Disziplinen Punkte zu sammeln. Fällt schon die erste Laufleistung aus, lässt sich dieser Rückstand auf olympischem Niveau kaum auffangen.
Dass Hingsen überhaupt einen dritten Startversuch bekam, erklärt sich durch die damalige Mehrkampfregel. Zwei eigene Fehlstarts führten noch nicht zur Disqualifikation. Erst der dritte bedeutete das Aus über 100 Meter. Der Eurosport-Rückblick auf Hingsens Fehlstarts schildert den dritten Fehlstart als Ende seines olympischen 100-Meter-Laufs. Die heutige Mehrkampfregel mit einem Fehlstart für den gesamten Lauf lässt sich auf den damaligen Wettbewerb nicht übertragen.
Hingsen war ein erfahrener Spitzenathlet. Vier Jahre zuvor hatte er in Los Angeles Olympiasilber gewonnen. Umso größer war das öffentliche Unverständnis über den frühen Misserfolg in Seoul.
Im SPORT1-Interview von 2024 schilderte Hingsen seine damalige Situation: Er habe wegen einer stark entzündeten Patellasehne unter Schmerzen gelitten und beim Hochsprung Einschränkungen erwartet. Deshalb habe er in anderen Disziplinen etwas ausgleichen müssen. Zudem beschrieb er Schmerzen bereits in der Fertigposition und wechselnde Winde.
Ein ruhiger Startablauf hilft beim Warten auf das Signal
Wenn du selbst sprintest, hilft dir ein sicherer Startablauf. Ein guter Trainingsversuch beginnt mit einem klaren Auftrag: das Signal abwarten und dann entschlossen loslaufen.
Wärme dich vor schnellen Starts gründlich auf und erhole dich zwischen den Versuchen ausreichend. Zum Üben reicht zunächst ein Partner, der die Kommandos gibt. Er sollte die Pause vor dem Startsignal variieren. Bei immer derselben Pause entsteht schnell ein Rhythmus, auf den du dich einstellst. Unterschiedliche Pausen machen es leichter zu erkennen, ob du auf das Signal hörst oder innerlich bereits herunterzählst.
Lass den Partner außerdem beobachten, ob du vor dem Loslaufen unruhig wirst. Eine kurze Videoaufnahme kann zur Besprechung der Bewegung helfen. Sie liefert ohne geeignetes Messsystem jedoch keinen belastbaren Nachweis einer Reaktionszeit im Bereich von Tausendstelsekunden.

Nach einem misslungenen Versuch könnt ihr kurz klären, was passiert ist: Hast du geraten, dich von einer Bewegung ablenken lassen oder deine Position nicht halten können? Das macht den nächsten Versuch konkreter, als einfach immer wieder mit größerer Anspannung anzutreten.
Die passende Blockeinstellung und die ersten Beschleunigungsschritte sind ein eigenes Thema. Wenn du darüber hinaus schneller sprinten möchtest, findest du dort Übungen für die weitere Sprintleistung.
FAQ: Weitere Fragen zu Fehlstarts
Seit wann wird man im Einzelrennen beim ersten Fehlstart disqualifiziert?
Die heutige Grundregel gilt seit dem 1. Januar 2010. In den Jahren unmittelbar vor dieser Änderung blieb im Einzelrennen ein Fehlstart pro Lauf ohne Disqualifikation. Die damalige Umstellung erläuterte der DLV-Starterreferent in einer Schnellinformation. Alte Rennaufnahmen können deshalb Entscheidungen zeigen, die heute anders ausfallen würden.
Gelten für Kinder dieselben Fehlstartregeln?
Nicht durchgehend. Bei nationalen DLV-Wettbewerben der U14 wird ein Läufer zunächst für seinen eigenen Fehlstart verwarnt. Erst sein zweiter eigener Fehlstart im selben Lauf führt zur Disqualifikation. Diese persönliche Fehlstartregel gilt bei der U14 auch in nationalen DLV-Mehrkämpfen und Blockwettkämpfen. Für Kinderleichtathletik und Schulsport solltest du die jeweiligen Veranstaltungsregeln prüfen.
Welche Fehlstartregel gilt bei Masterswettbewerben?
Bei Wettkämpfen nach den WMA-Regeln 2026 wird der erste eigene Fehlstart verwarnt. Erst der zweite eigene Fehlstart im selben Lauf führt zur Disqualifikation. Diese persönliche Regel gilt dort auch im Mehrkampf. Entscheidend ist also, nach welchem Regelwerk der Wettbewerb ausgetragen wird.
Wird man auch disqualifiziert, wenn ein Nachbar einen mitzieht?
Nicht automatisch. Der Starter beurteilt, wer den Fehlstart verursacht hat. Wer nur auf einen bereits zu früh startenden Nachbarn reagiert, muss deshalb nicht ebenfalls verantwortlich sein. Haben mehrere Athleten den Fehlstart verursacht, können allerdings auch mehrere disqualifiziert werden.
Gibt es Fehlstarts auch bei 800 oder 1.500 Metern?
Ja. Die Startregeln betreffen nicht nur Sprints. Bei längeren Bahnrennen starten die Athleten normalerweise im Stand. Ein unbeabsichtigter Gleichgewichtsverlust wird dabei anders beurteilt als ein zu früher Start. Eine durchgehende Vorwärtsbewegung ins Loslaufen vor dem Signal kann auch hier ein Fehlstart sein.
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